Seit 60 Jahren mit auf dem Weg
Ein Gruß der 60-Jährigen
*
Die Würfel fielen vor zehn Jahren
Neugier am Freitag
„Kannst du schreiben?“
Eine Brücke von der Ostsee zu den Alpen
Kirchenzeitung - weder alt noch greise
Wir haben Ideen gesponnen
Kirche-Welt-Jugend damals…
Ein Gruß von Daheim
Es gibt Geschichten, die vergisst man nicht
Frauen kommen zu Wort und setzen sich ins Bild
Die Woche fängt am Mittwoch an

Seit 60 Jahren mit auf dem Weg

Erste Ausgabe der Mecklenburgischen Kirchenzeitung erschien am 21. April 1946
Liebe Leserinnen und Leser,
das Evangelium will in die Öffentlichkeit. Und dazu bedient es sich aller Medien, mit denen sich Menschen in ihrem Alltag erreichen lassen. Seit 60 Jahren gehört dazu auch die Mecklenburgische Kirchenzeitung. Am 21. April 1946 erschien sie zum ersten Mal. Damit setzten Herausgeber und Redaktion die Arbeit des traditionsreichen Mecklenburgischen Sonntagsblattes fort, das 1876, also vor 130 Jahren, begründet wurde und 1941 sein Erscheinen einstellen musste.
Bereits ein gutes halben Jahr vor der Mecklenburgischen Kirchenzeitung erschien in Ostberlin die evangelische Wochenzeitung „Die Kirche“ zum ersten Mal. Eine ihrer Regionalausgaben wurde in der und für die pommersche Landeskirche erstellt – bis zum 1. Januar 1998. Seitdem erscheint unter dem Motto „eine evangelische Wochenzeitung für ein gemeinsames Bundesland“ die Mecklenburgische & Pommersche Kirchenzeitung. Zunächst gab es zwei Regionalausgaben mit Wechselseiten für die jeweilige Landeskirche. Auch im Blick auf eine eventuelle gemeinsame Zukunft beider Landeskirchen beschloss der „Evangelische Presseverband für Mecklenburg-Vorpommern“ als Herausgeber, diese Trennung zum Weihnachtsfest 2001 aufzuheben.
Mit dieser Entwicklung spiegelt Ihre Kirchenzeitung ebenso wie mit den Beiträgen in Text und Bild die Veränderungen in unseren beiden Kirchen wider. Kirche ist und muss immer im Wandel sein, will sie ihre Aufgabe an Gott und den Menschen erfüllen. Dazu wollen auch wir im Verlag und an den beiden Redaktionstandorten Greifswald und Schwerin unseren Beitrag leisten.
Wir bedanken uns für Ihr Interesse, für Ihre zustimmenden oder kritischen Meinungen, für Anregungen und Beiträge. Denn nur dadurch kann diese Kirchenzeitung sein, was sie sein soll: ein öffentlicher Raum für Information und Gedankenaustausch, für Meinungsstreit und Meinungsbildung unter Christen auch über Gemeinde- und Landeskirchengrenzen hinweg.
Es grüßt Sie im Namen der Redaktion, des Verlages und des Herausgebers
Ihr
Tilman Baier, Chefredakteur

Ein Gruß der 60-Jährigen

Zum Osterfest 1946 erschien die erste Ausgabe der Mecklenburgischen Kirchenzeitung. In einer Zeit, in der in unserer Landeskirche nach dem Kriegsende so vieles neu geordnet wurde, kam „die Stimme der Kirche“, wie es der erste Chefredakteur Pastor Theodor Werner schrieb, nun Woche für Woche mit einer Zeitung zu den Menschen, um zu helfen, „die Gegenwart zu meistern und die Zukunft zu gestalten.“
60 Jahre Kirchenzeitung sind ein Spiegelbild unserer Kirche. Die Zeitung hat Verbindung geschaffen durch Informationen aus den Gemeinden, Propsteien und Kirchenkreisen. Sie hat informiert über die weltweite Kirche und sie tut diesen Dienst nun nicht allein für die mecklenburgischen sondern auch für die pommerschen Gemeinden.
Allen, die an der Gestaltung der Zeitung mitarbeiten, sei herzlich gedankt. So ist dieser Geburtstag eine Ermutigung, in der Phase des Zusammenwachsens unserer beiden Kirchen, die vielfältigen Stimmen zu Wort kommen zu lassen und so zum besseren Verstehen beizutragen und dies zu verbinden mit der zeitungsgemäßen Weitergabe der unserer Kirche aufgetragenen Botschaft.
So grüße ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Redaktion und im Presseverband und wünsche unserer Zeitung viele interessierte Leserinnen und Leser.
Ihr
Hermann Beste
Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Mecklenburgs

*

Vor wenigen Wochen haben unserer Synoden einen gleich lautenden Beschluss zur Fusion unserer Landeskirchen gefasst. Auch vor diesem Hintergrund freue ich mich, dass bereits Mitte der neunziger Jahre im Blick auf die Kirchenzeitungen in Mecklenburg und Pommern die richtige Entscheidung getroffen worden ist.
Woche für Woche bereichert die Kirchenzeitung seither das gemeindliche und landeskirchliche Leben in unserem Bundesland.
In der Zeit der DDR hatte die Kirchenzeitung eine wichtige Aufgabe. Die Kirchengebietspresse war die letzte Insel einer wenn auch eingeschränkten freien Presse.
Die Zeiten und somit auch die Aufgaben der Kirchenzeitung haben sich geändert. Heute kann sie einen wichtigen Beitrag zum Zusammenwachsen unserer beiden Landeskirchen leisten. Dazu möchte ich die Redaktion ermutigen und ihr für die weitere Arbeit Gottes Segen wünschen.
Ihr Dr. Hans-Jürgen Abromeit
Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche

Die Würfel fielen vor zehn Jahren

Einander Wahrnehmen in nicht leichter Umbruchzeit – vom Sinn einer Kirchenzeitung
So richtig gut waren die Überlebens-Prognosen für die Kirchengebietspresse nach der Wende ja nie gewesen. Das Sympathie-Fahrwasser der 70er und 80er Jahre ebbte Anfang der 90er Jahre langsam ab. Ein zahlenmäßig beachtliches Lesepublikum ging verloren, das die Kirchenpresse nur wegen ihrer politisch-kulturellen Beiträge abonniert hatte. Dennoch: die Leserschar war groß, die den Struktur-Umbruch der Kirchenlandschaft verfolgen wollte. Hier war und ist die Kirchenzeitung enorm wichtig – als Informationsmittel wie als Meinungsforum. Wie zu allen Zeiten ihres Bestehens sind die Vor-Ort-Berichte aus Gemeinden und Projekten, Interviews und kritischen Kommentare ein Markenzeichen des evangelischen Wochenblattes.
Die Unkenrufe über den angeblichen Tod des Modells Kirchenzeitung nahmen aber zu. Manche westdeutsche Landeskirchen hatten Mitte der 90er Jahre begonnen, ihre Kirchenzeitung wegen notorischen Lesermangels einzustellen. Statt dessen erschienen Monatsmagazine, die an alle Haushalte verteilt wurden. Publizistische „Missionare“ aus den westlichen EKD-Gliedkirchen wurden ausgesandt, um es ostdeutschen Kirchenzeitungsredaktionen schmackhaft zu machen, ihr Blatt aufzugeben. Wir würden ja nur für Menschen aus der „Kerngemeinde“ schreiben, warf man uns vor. Und „Kerngemeinde“ klingt dabei (heute mehr denn je, besonders in den westlichen Kirchen) wie ein Schimpfwort. Es meinte Menschen, die engagiert sind, die etwas wissen wollen von ihrer Kirche und der Welt, die eine unabhängige und kritische Berichterstattung erwarten, und möglicherweise zu Hause auch manchmal in den Gottesdienst gehen. Eine Gattung von Christen also, die auszusterben scheinen – schenkt man auch der aktuellen EKD-Mitgliedschaftsanalyse 2006 Glauben.
Wir „Blattmacher“ wollten es dennoch wagen, eine basisnahe Kirchenzeitung zu machen, lokal verwurzelt und mit ökumenischer Weite. Ich schreibe das so ausführlich, weil die Ausgangslage einer Entscheidung in der pommerschen Kirchenleitung für die Weiterxistenz der Kirchenzeitung nicht gerade rosig war: Gerade erlebt hatten wir die Umsetzung der 1994 begonnenen landeskirchlichen Strukturreform. Der Sparzwang steckte uns im Nacken. In welche Richtung es auch gehen würde – es sollte weniger Geld kosten als bisher. Optionen gab es nur zwei: Entweder das von der Evangelischen Kirche der Union (EKU) favorisierte Modell einer EKU-Kirchenzeitung, die ihre Stammredaktion in Bielefeld haben würde – mit einem in Westfalen produzierten allgemeinen Teil und einem winzigen Stammteil aus Pommern. Die zweite Option: Ein gemeinsames Blatt in Mecklenburg-Vorpommern, mit Hauptredaktion in Schwerin, eine Pommern-Redaktion in Greifswald.
Die Trennung von der alten Herausgeberschaft der Berliner Wochenzeitung DIE KIRCHE, die 1945 der damalige Weißenseer Generalsuperintendent und spätere pommersche Bischof Friedrich Wilhelm Krummacher begründet hatte, war ein schmerzlicher Schritt. Und mancher aus der EKU hat es uns damals übel genommen. Doch 1996 sind die Würfel gefallen. Die pommersche Kirchenleitung entschied sich für das lokale, gemeindenahe Kirchenzeitungsmodell in Kooperation mit Mecklenburg.
Anfang 1997 gingen wir an die Planungsarbeit. Ein neues Layout wurde in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Heiligendamm entwickelt. Wir haben es heute noch und ich finde, es hat sich bewährt! Ein Blick in meinen Kalender zeigt: 1997 war ein fieberhaftes Jahr. Statt unserer monatlichen Redaktionstreffen in Berlin überstürzten sich jetzt die Besprechungstermine in Schwerin – und später einfach auf halber Bahnstrecke – in Rostock. Wir waren nur drei hauptamtliche Redakteure – zwei in Schwerin, einer in Greifswald. Ohne den ehrenamtlichen Redaktionskreis und die vielen freien Autoren hätten wir den Neuanfang nie auf die Beine gestellt. Und nebenbei hat unsere Familie in diesem Jahr zu unseren zwei Jungs noch Zwillinge bekommen.
Zu Weihnachten stand die neue Ausgabe, kurz vor Silvester 1997 wurde sie gedruckt. Ich schrieb die Abschiedskolumne für unser Berliner Blatt, und machte zugleich die Begrüßungsseiten für das neue Projekt. Das Titelfoto unserer Ausgabe Nr. 1/1998 war unvergesslich: Die Brücke über die Trebel bei Nehringen der symbolische Brückenschlag zwischen Pommern und Mecklenburg. Wir waren stolz und besorgt zugleich. Wird man uns wahrnehmen? Wird unsere Leserschaft auch der neuen Kirchenzeitung die Treue halten?
Was wir zur „Fusionsfeier“ am 9. Januar 1998 in Schwerin nicht wissen konnten: Das EKU-Kirchenzeitungsprojekt, bei dem Pommern nicht mitgemacht hatte, bewährte sich nicht. Es scheiterte wenige Jahre später. Wir hatten also richtig gelegen. Trotzdem – ein Ausruhen auf Erfolg durfte es nicht geben. Uns war klar: So gut und klug auch die strukturelle Entscheidung war, die Zeitung zusammen zu legen – ihr Überleben wird vom profilierten Inhalt abhängen. Von der Brisanz der Stoffe – von aktueller Bibelauslegung und theologischer Diskussion, vom Streit der Meinungen, bis zu den Nachrichten aus den Regionen, aus Kultur und Ökumene.
Gerade in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern mit seiner geringen Bevölkerungsdichte und den großen Entfernungen ist diese Zeitung wichtig: Für die Verständigung zwischen den beiden Landesteilen. Für das einander Wahrnehmen in nicht leichter Umbruchzeit. Um Stimme der Kirche zu sein und denen Stimme zu geben, die sich der Kirche – aus Distanz oder Nähe - verbunden fühlen.
Thomas Jeutner
Der Autor leitete ab 1992 zehn Jahre die Greifswalder Kirchenzeitungsredaktion. 2002 wechselte er in ein Gemeindepfarramt in Hamburg.

Neugier am Freitag

Innerkirchliche Demokratie braucht die Kirchenzeitung
Mich verbindet mit der Kirchenzeitung inzwischen eine lange Geschichte und trotzdem erwarte ich noch jeden Freitag die neue Ausgabe mit Neugier.
Angefangen hat die Geschichte vor ungefähr 20 Jahren mit dem Ausflug der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Greifswalder Konsistoriums mit der MS „Susanne“ auf der Peene. Konsistorialpräsident Hans-Martin Harder bat mich, einen Beitrag für unsere Greifswalder Seite in „Die Kirche“ zu schreiben. Ich war doch etwas angespannt dabei, weil ich ja noch nie etwas für die Öffentlichkeit geschrieben hatte. Ich dachte mir auch eine schöne Überschrift aus, die mir der Chefredakteur Gerhard Thomas jedoch weg strich und eine neue Überschrift machte. Da war ich zunächst etwas verstimmt- bis ich erfuhr, dass die Überschriften sowieso von der Redaktion gemacht werden. So hatte ich gleich etwas Wichtiges gelernt.
Ich habe dann bis zur Wende während meines Jurastudiums gern für die Kirchenzeitung geschrieben, weil ich damit eigenes Erleben von kirchlichen Veranstaltungen und kirchlicher Arbeit auch vielen anderen interessierten Menschen zugänglich machen konnte. Im Gegensatz zum Rechtsdeutsch konnte ich damit auch die schönen Seiten unserer Sprache pflegen. Ich erinnere mich gern an die Reportagen über das Kinderheim Bethlehemstiftung und die Kirchengemeinde Liepen, wo ich bei meinen Besuchen den beeindruckenden Dienst für benachteiligte Kinder und für Kirche in vielen Dörfern miterleben durfte.
Viele Jahre habe ich im Greifswalder Redaktionskreis unter Leitung von Dr. Wolfgang Nixdorf mitgearbeitet und gelernt, wie die Kirchenzeitung mit Informationen über kirchliches Leben und kirchenleitendes Handeln sowie dessen kritische Begleitung der innerkirchlichen Demokratie dienen kann.
Meine Neugier auf schöne Geschichten über engagierte Menschen in unseren Kirchen, die vielfältigen Meinungen der Leser und die kritische Begleitung von Entscheidungen werden mich auch weiterhin mit der Kirchenzeitung verbinden.
Elke Stoepker
Die Autorin ist Anwältin, Mitglied der pommerschen Landessynode und der Kirchenleitung und Mitglied im Vorstand des Evangelischen Presseverbandes für Mecklenburg-Vorpommern.

„Kannst du schreiben?“

Meine Geschichte(n) mit der Kirchenzeitung
Bekannt und vertraut ist mir die Kirchenzeitung schon seit beinahe 20 Jahren. Ich hatte sie seinerzeit abonniert, als ich nach dem Studium meine erste Anstellung als Kantorkatechetin in der Kirchenprovinz Sachsen antrat. Damals sammelte und abonnierte ich alles Mögliche, was für meine Arbeit nützlich sein könnte. Aber ich ahnte in keiner Weise, dass ich mal selbst für die MeKi schreiben würde.
Beim Kirchentag 1988 in Halle schnupperte ich zum ersten Mal ins Pressemilieu. Mein jetziger Mann sollte für die Mecklenburgische Kirchenzeitung berichten. Und mit seinem Presseausweis öffneten sich uns Türen, die ich ehrfürchtig und neugierig durchschritt. Irgendwann im Frühjahr 1989 nahm er mich dann einfach mal mit zur Pressetagung nach Güstrow. Ich sollte unbedingt Marion Wulf kennenlernen. Und ihre erste Frage „Kannst du schreiben?“ erschütterte mich bis ins Mark.
Als hätte ich gar keine Wahl, sagte ich schüchtern zu und schrieb meine erste Geschichte über Johannes den Täufer für den PETER. Ich habe Tage dafür und endlos Papier gebraucht. Und ich sehe mich noch mit wild klopfendem Herzen bei Marion in der Baracke sitzen und höre sie sagen: „Okay, Feuertaufe bestanden!“
Damit gehörte ich nun zum auserlesenen Kreis der Redaktionsgruppe für den PETER, schrieb fortan ungezählte Geschichten und malte Bilder für die Kinderseite.
Die MeKi zog für ein Jahr mit mir nach Eberswalde, von wo aus ich unter anderem über die damals noch existierende Mittelstelle für Werk und Feier (WuF) und die Werkwoche in Hirschluch berichtete. 1991 kamen mein Mann und ich auf eine Pfarrstelle im Südosten Mecklenburgs, mit uns natürlich die Kirchenzeitung. Wir verbrachten endlose Stunden im Auto, um zu den Redaktionssitzungen nach Schwerin oder nach Güstrow zu fahren. Doch das war es wert. Auch wenn es öfter mal Wechsel in der Redaktionsgruppe gab, ein beständiger Kern an Autorinnen und Autoren blieb. Und ich hatte immer das Gefühl, die inhaltliche und äußere Gestaltung der Kinderseite war unsere Herzenssache. Ich erinnere noch die langen und heißen Diskussionen, als es um die Neugestaltung der Kinderseite ging.
Inzwischen war ich mit meiner Familie nach Pommern gezogen, und die gemeinsame Kirchenzeitung für Mecklenburg und Pommern natürlich mit uns. Als sich die Verantwortlichkeiten für die Seiten änderten, nahm ich schmerzlich, aber konsequent Abschied als Autorin für die Kinderseite. Dafür wurde ich 2001 in den Pressebeirat berufen. So schreibe ich bis heute meine Geschichte(n) mit der und für die Kirchenzeitung und hoffe, es möge noch lange so weitergehen.
Silvia Gützkow
Die Autorin ist Kantorkatechetin in Zinnowitz auf Usedom und Vorsitzende des Redaktionsbeirates der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung. 
Eine Brücke von der Ostsee zu den Alpen

Wer zwischen den Zeilen lesen konnte, erfuhr viel über Kirche in der DDR
"Grüß Gott! Mein Name ist Winter und ich komme vom Münchner Sonntagsblatt". Das ist das verbürgte Zitat, mit dem die mecklenburgisch-bayerische Kirchenpartnerschaft denn auch zu einer Partnerschaft zwischen zwei evangelischen Wochenzeitungen werden sollte. Und der, der diese Worte im Januar 1973 in der so genannten Pressebaracke auf dem Hof des Schweriner Oberkirchenrats in der Münzgasse 8 in aller historischen Gelassenheit und doch auch ein bisschen neugierig-aufgeregt aussprach, glaubte, bei den drei Kollegen der Mecklenburgischen Kirchenzeitung (er notierte: Chefredakteur, theologische Mitarbeiterin, Sekretärin) einen gewissen Überraschungseffekt zu erzielen. Freilich könnte es auch so gewesen sein, dass der seinerzeitige Mecklenburgische Chefredakteur dank seiner "guten Kontakte zu staatlichen Organen" vom bevorstehenden Westbesuch schon aus anderer Quelle wusste.
Wie auch immer: Aus bayerischer Sicht war es, im Rückblick, Initiative und Verdienst des Sonntagsblatt-Chefredakteurs Helmut Winter, eine über die Jahre gute kollegiale Beziehung zwischen Ost und West (oder auch: Nord und Süd) eröffnet zu haben. Für uns Münchner Redaktion war und ist die Beziehung doppelt wertvoll: Nicht nur weil wir immer einmal wieder einen Text von einem Mecklenburger Kollegen oder zumindest aus der Mecklenburger Region abdrucken. Sondern (und, wenn man so will, in der Zeitungsgenese noch viel früher und vor aller Textproduktion): Weil wir als Redaktion uns regelmäßig über Mecklenburg informieren konnten, weil wir die Kirchenzeitung aktuell auf den Tisch bekommen und erfahren, was da oben an der Küste so los ist.
Und das war zu DDR-Zeiten durchaus etwas anderes, als das, was wir in den eigenen, westlichen Medien oder zum Beispiel auch im epd oder im ENA über "Kirche im Sozialismus" lasen und hörten. Die Mecklenburgische Kirchenzeitung war da ein Stück näher an der Basis der Kirche und im Alltag der Kirche. Und wir wussten von den Lesern drüben, dass man in der Kirchenzeitung auch manches zwischen den Zeilen lesen konnte.
Die Partnerschaft kam in die Jahre und hielt. Gelegentlich, wohl unter dem späteren Chefredakteur Gerhard Thomas, wurden wir Westler mal darauf hingewiesen, dass wir uns unseren "onkelhaften Ton" abgewöhnen sollten, wenn wir über die DDR-Verhältnisse berichten. Und gelegentlich gab es wechselseitige Besuche, so dass man, bis hin zu delikaten Interna, vieles übereinander wusste, schon lang vor der Wende.
1989 brachte selbstredend auch in der Publizistik eine gewisse neue Orientierung. Die Spezial-Beziehungen zwischen einzelnen Zeitungen gingen in einer größeren, allerdings auch einer generelleren Kooperation zwischen allen derzeit 15 evangelischen Wochenzeitungen auf, die in der Internet-Plattform www.kirchenpresse.de ihren Ausdruck findet. Trotzdem bleibt die Achse Bayern-MeckPomm eine besondere. Dass der Mecklenburger Chefredakteur auch noch "Baier" heißt, freut uns, weil wir Südländer bekanntlich leicht zu erheitern sind. Aber daneben hat unsere Verbindung von Redaktion zu Redaktion einen äußerst ernsthaften Charakter: Wenn einmal wieder in München oder Schwerin kurz vor Druckschluss ein Kommentar fehlt (was vielleicht zweimal im Jahr vorkommt), dann ist der jeweils andere gefordert und in der Pflicht. Und liefert dann auch zuverlässig. Und wenn er’s nicht tut, erinnern wir ihn an den Partnerschaftsvertrag zwischen unseren beiden Kirchen. Ganz sanft, aber in allem gebotenen Ernst.
Lutz Taubert
Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Sonntagsblatts für Bayern, München.

Kirchenzeitung - weder alt noch greise

Bettina von Wahl ist nach der Wende nach Friedrichsruh in der Kirchgemeinde Mölln im Kirchenkreis Stargard gezogen. Sie arbeitet in Hamburg bei der ARD-Tagesschau, engagiert sich in ihrer Kirchgeminde im Förderverein und ist Synodale der mecklenburgischen Landeskirche:
60 Jahre Kirchenzeitung - so alt und so weise, oder jung und trotzdem greise? So viele Jahre, die ich davon nicht kenne... Darum kann meine Einschätzung auch nur ein flüchtiger Eindruck sein. Erst seit 2001 gehören mein Mann und ich zum festen Leserstamm. Und erst seitdem wir nach mehreren Pendeljahren ganz in Mecklenburg leben, wächst mein Engagement für die eigene Kirchgemeinde und alles was damit zusammen hängt.
Hier in unseren kleinen Dorfkirchen, in der Gemeinschaft von fünf bis zehn Gottesdienstbesuchern am Sonntag kann ich mich nicht mehr raushalten. Hier auf dem Lande weiß jeder von jedem, hier ist man als wandernder Kirchgänger schnell bekannt wie ein bunter Hund. Und das ist auch gut so. Es motiviert zum Flagge zeigen. Mir hat es eine neue Welt eröffnet, in der es auf jeden ankommt, in der jeder mit seinen Gaben willkommen ist und mit seinen Aufgaben wachsen kann. Der Weg zum Glauben, der Weg im Glauben hat dadurch für mich immer deutlichere Konturen erhalten.
Vieles, was in einer "normalen" christlichen West-Familie selbstverständlich war und deswegen auch nie besprochen wurde, erscheint mir hier durch dieses bewusste Leben als Christ in einem neuen, strahlenden Licht. Und die Rolle der Kirchenzeitung dabei? Ich lese sie mit immer größerer Freude! Mir hilft sie beim Hineinwachsen in das Leben der Kirche in Mecklenburg-Vorpommern. Sie öffnet den Blick auf andere Gemeinden über den eigenen Tellerrand hinaus, sie gibt Anregungen und zeigt neue Ideen, sie erschließt mir kirchliche Strukturen, sie informiert über die Positionen der Kirche zu den Problemen in unserer Gesellschaft und in der Welt. 60 Jahre Kirchenzeitung - also weder alt noch greise.

Wir haben Ideen gesponnen

Michaela von Steinaeckers Namen sieht man häufig - manchmal auch ihr Gesicht - im NDR-Fernsehen. Seit Januar 2005 ist sie dort freie Mitarbeiterin. Ihre ersten journalistischen Schritte in Mecklenburg-Vorpommern machte sie 1998 bei uns, bei der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung. Von 1999-2004 arbeitete sie beim privaten Rundfunksender Antenne Mecklenburg-Vorpommern. Sie schreibt über ihre Anfänge bei uns:
Meine erste Begegnung mit der Kirchenzeitung war zufällig. Im Herbst 1998 bekam ich einen Job als Urlaubsvertretung beim Evangelischen Pressedienst in Schwerin. Die Räume der Kirchenzeitung lagen gleich nebenan, ich wollte einfach sehen, wer noch so in dem Haus arbeitete. Ich traf auf muntere Menschen, die schnell herausfanden, dass ich als freie Mitarbeiterin von „hier und dort Gelegenheiten“ für jede zusätzliche Mark zu haben war. Und sie machten mir das Angebot, für die Zeitung zu schreiben. Es begann eine super Zeit. Ich war gerade erst aus dem Westen nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen und so gab es für mich unglaublich viel zu entdecken. Ich hörte Geschichten über die Zeit in der DDR, von Stasi-Opfern, Bürgerrechtlern. Ich durfte über Skurriles – etwa über jemanden, der andersartige Bestattungen vermarktete - genauso berichten, wie über soziale Themen – die Seemannsmission in Rostock – oder über wichtige Termine – den Besuch des Ratsvorsitzenden der EKD in Schwerin. Tabus für Geschichten gab es kaum und so fuhr ich, damals noch ohne Auto ausgestattet, mit dem Zug in die entlegensten Winkel Mecklenburgs und teilweise Vorpommerns.
Und ich hatte das große Glück, auch bei den Leuten von der Kirchenzeitung immer auf offenen Ohren zu stoßen. Wir haben Ideen gesponnen und Themen diskutiert. Ich habe so viel über die Kirche von damals und von heute erfahren.
Das eine Jahr bei der Mecklenburgischen Kirchenzeitung und beim Evangelischen Pressedienst war mein journalistischer Anfang in Mecklenburg-Vorpommern. Dadurch habe ich das Land kennen gelernt, erste Annäherungsversuche an die Mecklenburger gewagt (wenn man aus dem Rheinland kommt, schon ein Unterschied!!!). Und ich habe wichtige Kontakte geknüpft – die mich wesentlich in meiner beruflichen Laufbahn weitergebracht haben. Und so bin ich für die vielen Diskussionen und Anregungen von damals sehr dankbar. Das Besondere aber an der Kirchenzeitung ist für mich, dass sie ein Medium ist, das auch Themen abdeckt, die sonst kaum Gehör finden. Und dass sie sich in einer Zeit und in einer Gegend, in der Christ sein nicht sehr verbreitet ist, weiter behauptet. Ich wünsche der Kirchenzeitung und allen an ihr Beteiligten weiterhin gutes Gelingen – auf die nächsten 60 Jahre!

Kirche-Welt-Jugend damals…

Katharina Mrotzek, geb. 1966 in Neubrandenburg, ist Dipl.-Chemikerin und lebt seit 1992 in Niedersachsen, seit 2001 in Hannover. Die war mehrere Jahre Mitglied der Redaktionsgruppe "Kirche-Welt-Jugend" und liest die Kirchenzeitung auch heute noch in Niedersachsen. Katharina Mrotzkek erinnert sich:
Lang ist es her, als wir samstags von Neubrandenburg nach Güstrow fuhren zu den Redaktionssitzungen von Kirche-Welt-Jugend. Wir waren vier, fünf oder sechs Leute und hatten immer viel Spaß auf der Zugfahrt. Die Anregung mal hinzufahren bekamen wir in der Jungen Gemeinde.
Aus ganz Mecklenburg versammelte sich unser Redaktionsteam, angeleitet vonm damaligen Chefredakteur Gerhard Thomas und später von Redakteurin Marion Wulf und manch anderem, die uns journalistisches Rüstzeug mit auf den Weg gaben. Wir suchten Themen für unsere Jugendseiten und gestalteten die Ausgaben mit. Da wurde heiß diskutiert und manchmal auch lange geschwiegen, wenn uns einfach nichts einfallen wollte. Wir berichteten von Jugendtreffen und –aktivitäten, schrieben Bildbetrachtungen und auch mal meditative Texte. Vieles wurde oft erst auf den letzten Drücker fertig. Zu Zeiten des Abiturs und Studiums war ich dabei. Die Erinnerungen sind blass, aber ich vermisse diese Seite heute in der Kirchenzeitung, die ich seit über sechs Jahren wieder lese, da mir die im niedersächsischen Raum erhältlichen Zeitungen immer fremd blieben. Zudem erfahre ich Neuigkeiten aus der Heimat.
Ich schätze besonders die Seiten Glaube & Alltag und Kultur & Angebote mit den oft sehr guten Denkanstößen. Gelesen wird jedenfalls von der ersten bis zur letzten Seite, wenn auch nicht immer in dieser Reihenfolge. Und ich mag den Blick über den Tellerrand hinaus: Informationen über religiöses Leben in der Welt und in unserem Land.

Ein Gruß von Daheim

Unsere Leserin Karin Westin, geb. Haker, lebt in Australien und schreibt:
Die Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung ist ein Gruß von Daheim. Da gab es dann und wann noch einen bekannten Namen, zum Beispiel wurde meine ehemalige Stationsschwester im Anna-Hospital 90 Jahre. Das geht ins Herz. Da musste ich ihr schreiben.
In einer der letzten Ausgaben der Kirchenzeitung (Nr. 11 vom 12. März) auf Seite 12 lese ich in der Kinderecke: Aha, Jürgen Hebert ist Großvater. Die Kinder leben im schönen Dresden!
Hier lebe ich in einem deutschen Seniorendorf mit 53 Wohnungen, gebaut von der deutschen evangelischen Kirche. Weil ich die MPKZ nicht wegwerfen wollte und auch nicht alle aufheben kann, legte ich sie dorthin, wo die Post immer ankommt. Jemand freut sich vielleicht? Ja, sie wurde genommen und erfreut. Jetzt geht sie regelmäßig in drei verschiedene Briefkästen.
Mit ganz herzlichen Grüßen von hier unten.

Es gibt Geschichten, die vergisst man nicht

 |
 |


Ingeborg Timm mit ihrem dritten Kind 1963.
|
Ingeborg Timm aus Laage sagt, sie könne sich ein Leben ohne die Kirchenzeitung gar nicht vorstellen. Sie schreibt:
In einer eiskalten Nacht des Jahres 1963, am 2. Januar, war ich im Stift Bethlehem, um mein drittes Kind zur Welt zu bringen. Ein Krankenauto hatte mich die 40 Kilometer aus meinem Ort dorthin gefahren und nun hoffte ich, dass alles gut und schnell gehen würde. Die rührende Hebamme guckte immer wieder nach mir und reichte mir dann eine Kirchenzeitung, die Weihnachtsausgabe 1962, damit ich mich ablenken sollte.
Mein Blick fiel auf eine Weihnachtsgeschichte, die bewusst modern sein wollte und das Geburtsgeschehen Jesu in unsere Zeit verlegte. So fuhr Joseph mit dem Fahrrad und hinter ihm auf dem Gepächträger kauerte frierend Maria, die dringend eine Bleibe für die nahende Geburt brauchte. – Als wieder eine Wehe über mich kam, war ich unendlich dankbar, dass ich nicht wie Maria, auf einem Fahrradgepäckträger hocken musste. Auch bei meinen nächsten Geburten haben wir nie den Transport ins Krankenhaus mit dem Fahrrad erwogen. Aber ich war ja auch nicht Maria. – Überzeugt hat mich diese Geschichte nicht, aber ich habe sie bis heute nicht vergessen und welcher Kirchenzeitungsautor kann schon von sich behaupten, dass sein Beitrag noch nach 43 Jahren so gut in Erinnerung geblieben ist.

Frauen kommen zu Wort und setzen sich ins Bild

Pastorin i. R. Inge Heiling war von 1978 bis 1991 Leiterin der Evangelischen Frauenhilfe in Mecklenburg. Sie begleitete die Redaktionsgruppe der "Frauenkolumne", die sich alle drei bis vier Wochen zu speziellen Themen Frauen betreffend immer auf Seite 3 zu Wort meldete. Nur die Mecklenburgische Kirchenzeitung "leistete" sich so eine Frauenkolumne. Inge Heilig, die im Ruhestand in Berlin lebt, erinnert sich:
Der Anstoß kam vom ÖRK in Genf .Von 1978 bis1982 wurden in Arbeitsgruppen in aller Welt die Fragen nach der Gestalt der Beziehungen von Frauen und Männern in der Kirche gestellt und erörtert. Auch der Kirchenleitung der Mecklenburgischen Landeskirche kamen diese Fragen auf den Tisch. Sie wurden an die Evangelische Frauenhilfe weitergeleitet. Die Frauen können sich damit beschäftigen! Die Mitarbeiterinnen suchten sich Frauen und Männer, um den Fragen nachzugehen, biblische Texte gemeinsam zu lesen. Ergebnisse wurden auch in der Kirchenzeitung veröffentlicht.
Zu dem Anstoß aus Genf kam der Anstoß der Theologie aus der Sicht von Frauen. Diese Auseinandersetzungen, neuen Sichtweisen, diese Erfahrungstheologie setzte Ideen frei, verlangte nach Umsetzung.
So entstand auch die Idee nach einer eigenen Frauenkolumne in der Kirchenzeitung. Die Redaktion war offen dafür. Eine Vignette wurde in Auftrag gegeben, damit diese Kolumne sofort erkennbar war.
Zur ersten Ausgabe am 10. Januar 1982 stand dazu:
"Frauen haben in Familie, Kirche und Gesellschaft ihre eigenen Fragen, Probleme und Themen. Sie sind freilich oft für die Männer ebenso wichtig und interessant. In dieser Rubrik, erkennbar an der Vignette werden in lockerer Folge Frauen Fragen stellen, Probleme aussprechen und Sachthemen erörtern."
Nach mehr als 20 Jahren muten die Erörterungen mancher Themen aus wirklich vergangener Zeit an, w i e die Fragen gestellt und beantwortet wurden.
Doch manche Themen sind nach wie vor aktuell, wenn nicht aktueller denn je. Heute sind es die Gender–Fragen. Vieles hat sich in unserer Kirche positiv verändert, was die Fragen der Frauen angeht. Doch in der Gesellschaft, auch mit einer Bundeskanzlerin an der Spitze, sind die Gleichstellung von Frauen und Männern noch lange nicht gerecht gelöst .Das wissen wir alle .Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, die uns die Botschaft Jesu vermittelt und zu deren Umsetzung in der Welt es noch viel zu tun gibt und wir alle BotschafterInnen sind.

Die Woche fängt am Mittwoch an

Einblicke in den Alltag von Redaktion und Verlag der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung
 |
 |


Fotos von oben nach unten:
|
 |


Marion Wulf-Nixdorf
|
 |


Nicole Kiesewetter
|
 |


Regina Pally
|
 |


Anita Patzak
|
Unser Dank gilt allen, die mit ihrer Arbeit und ihren Ideen an der Erstellung der Kirchenzeitung beteiligt sind - von den ersten Überlegungen zur jeweiligen Ausgabe bis zum Briefkasten unserer Leserschaft.
MITTWOCH
Die aktuelle Ausgabe ist in der Nacht gedruckt worden. Gegen 8 Uhr klingelt es am Evangelischen Medienhaus in der Schweriner Schliemannstraße. Ein Bote der Druckerei bringt die ersten Exemplare, die nicht über die Tageszeitungen an unsere Leser verteilt werden. Gespannt sitzt die Schweriner Mitarbeiterrunde zusammen: die Geschäftsführerin des Evangelischen Presseverbandes für MV, Christiane Lazarus, die Vertriebsleiterin Anita Patzak, die Redaktionssekretärin Regina Pally, die Redakteurin Marion Wulf-Nixdorf und Chefredakteur Tilman Baier. Es ist Zeit für die Blattkritik. Manchmal stoßen auch die Kollegin des Evangelischen Pressedienstes, Anne--Dorle Hoffgaard und Radiopastor Stefan Döbler dazu: Wie wirkt die Zeitung? Denn es ist etwas ganz anderes, die einzelnen Seiten auf dem Bildschirm zu sehen, als sie zusammen in einer Ausgabe in der Hand zu haben. Wie kommen die Bilder im Druck? Wer entdeckt den ersten Druckfehler, der sich trotz intensiven Lesens durch die Korrektur gemogelt hat?
Die Kollegin Nicole Kiesewetter in Greifswald muss auf dieses Erlebnis noch einen Tag warten, sie bekommt ihre Exemplare erst am Donnerstag durch die Post zugestellt. Dafür wird sie in der ersten Redaktionskonferenz der Woche telefonisch mit in die Runde eingebunden. Denn es ist viel zu besprechen und abzustimmen: Welche aktuellen Themen liegen an? Welche Beiträge müssen wo und bei wem bestellt werden? Was ist noch an Beiträgen liegen geblieben, weil unsere Zeitung nur 12 Seiten hat? Welche aktuellen Themen werden sich bis in zehn Tagen, wenn die nun zu planende Ausgabe bei den Lesern ist, gewendet oder ins Nichts aufgelöst haben? Schließlich sind wir eine Wochenzeitung.
Dann gilt es bei der Vielzahl der Veranstaltungen zu entscheiden: Die meisten ballen sich naturgemäß am Wochenende. Welche Termine können und müssen die zwei Redakteure in Schwerin und die Kollegin in Greifswald, die seit Januar aus finanziellen Gründen nur noch auf einer Zweidrittelstelle für die Kirchenzeitung arbeiten darf und auch keine Sekretärin zur Unterstützung mehr hat, wahrnehmen? Wie verhält sich der finanzielle Aufwand der Fahrtkosten zu Umfang und Wichtigkeit des Beitrags? Können ehrenamtliche Mitarbeiter die Berichterstattung übernehmen oder müssen wir einen freischaffenden Journalisten beauftragen?
Steht diese Liste, wird herumtelefoniert, es werden Ortstermine gemacht, manche bereits für diesen Tag.
Um 14 Uhr ist Schaltkonferenz. In einem virtuellen Raum sind für eine halbe Stunde alle Chefs vom Dienst bzw. Chefredakteure der evangelischen Kirchenzeitungen in Deutschland zum telefonischen Austausch verabredet: Was ist bei euch „Aufreger der Woche“? Was plant ihr längerfristig? Welche Themen sind von überregionaler Relevanz? Und da sich alle an der Telefonkonferenz Beteiligten zweimal im Jahr auch ganz real in jeweils einer der Kirchenzeitungsredaktionen treffen, sind die Beziehungen zwischen den Kirchenzeitungen inzwischen so kollegial-freundschaftlich und konstruktiv, dass sich die Runde seit längerer Zeit einen gemeinsamen Namen gegeben hat: www.kirchenpresse.de – nach dem Namen des gemeinsamen Internetauftritts.
Währenddessen sind die in der Nacht gedruckten einzelnen Zeitungsbögen in den Behindertenwerkstätten des Diakoniewerkes Neues Ufer in Rampe am Schweriner See zusammengelegt worden. Damit ist unsere Kirchenzeitung seit Jahren der Rolls Royce unter den Zeitungen Deutschlands. Alles Handarbeit! Das ist gut für die Behindertenwerkstätten. Doch uns kostet das einen ganzen Tag Aktualität. So haben sich zum Beispiel viele Leser im September 2001 aufgeregt, dass von dem Anschlag auf das World-Trade-Center in New York am Dienstag nichts am Freitag in ihrer Kirchenzeitung stand – doch ehe klar wurde, was da passiert war, war bei uns schon Redaktionsschluss gewesen. Hier hoffen wir sehr auf eine Veränderung – doch die ist nur möglich, wenn sich unserer Druckerei eine neue Maschine leisten kann, die die Zeitungen auch zusammenlegt.
DONNERSTAG
Inzwischen sind die gedruckten und gelegten Zeitungsexemplare bei der Schweriner Volkszeitung, der Ostseezeitung und dem Nordkurier angeliefert worden und gehen nun auf die Reise zu den kleineren Vertriebsstellen. Einige „schwierige“ Adressen im Land und die Exemplare für die „Auslandsleser“ von Bayern bis Brasilien sind bereits am Mittwochabend zur der Post gebracht worden.
Für die Redakteure, die nicht im Land unterwegs sind, heißt es zuerst, wie jeden Tag mehrmals, die eingegangenen elektronischen Meldungen der Nachrichtenagenturen epd, idea, ena und lwi durchzusehen. Es werden am Abend rund 120 sein. Dazu kommen Pressemeldungen von kirchlichen Organisationen, von Landesinstitutionen und aus Kirchgemeinden. Anfragen müssen beantwortet werden. Dann kommt die Briefpost. Die Regionalzeitungen müssen durchgesehen werden. Die ersten Meldungen und eingegangenen Artikel werden durchgesehen, überarbeitet und meistens gekürzt, da sie oft zu lang für die Zeitung sind. Manches kann die Redaktionssekretärin beim besten Willen nicht entziffern. Nachfragen bei Autoren erweisen sich als nötig, dazwischen klingelt immer wieder das Telefon. Das Besondere an dem Arbeitsplatz im Redaktionssekretariat ist das ständige Umschalten zwischen den einzelnen Bereichen: Auskünfte sind zu erteilen, Leserreisen zu organisieren, Texte zu schreiben, Bilder zu scannen, Honorare abzurechen... und das alles zeitgleich.
Beim Vertrieb des Verlages müssen die Abonnentenlisten aktualisiert und Rechnungen geschrieben werden, Material ist zu bestellen, Abrechungen sind dort und im Sekretariat zu machen. Die Geschäftsführerin, auf einer halben Stelle, koordiniert und überwacht alles Geschäftliche. Immerhin ist der Evangelische Presseverband als Herausgeber der Kirchenzeitung auch noch Anstellungsträger für die Internetarbeit beider nordostdeutscher Landeskirchen und der Kirchenredakteure bei den beiden privaten Rundfunksendern in MV. Der Gesamtumfang des Haushalts beträgt rund 650 000 Euro. Rund 300 000 Euro kosten dabei die Herstellung und der Vertrieb der Kirchenzeitung, die mit dem Abonnementspreis, die Sie als Leserinnen und Leser insgesamt bezahlen, finanziert werden. Refinanziert werden auch die Personalkosten der Rundfunkredakteure durch die Sender. Die beiden Landeskirchen kommen für die Personalkosten im Verlag und in der Redaktion auf, wobei die mecklenburgische Landeskirche den wesentlich größeren Anteil schultert. Darüber hinaus kümmert sich Christiane Lazarus um das Anzeigengeschäft, die Werbung und den Kontakt zu den anderen Kirchenzeitungsverlagen.
In der Redaktion werden die ersten Seiten erstellt, die nicht für Topaktuelles freigehalten werden müssen. Dazu gehören die Mecklenburg-Seite 6, die vorwiegend Gemeindeberichte und Gemeindetermine enthält, sowie die Forum-Seite mit den Leserbriefen. Artikel werden geschrieben. Zwischendurch schauen auch immer wieder ein paar Gäste herein, erzählen viel Hintergründiges „aber bitte nicht für die Zeitung!“. Daran halten wir uns, auch wenn es manchmal schwer fällt.
FREITAG
Inzwischen ist die gedruckte Kirchenzeitung hoffentlich bei Ihnen im Briefkasten. Wenn nicht, rufen Sie bitte gleich bei Frau Patzak im Vertrieb an. Denn wenn wir bis zum Mittag bei den Vertriebsfirmen reklamiert haben, bekommen Sie eine von den Überexemplaren, die wir vorsichtshalber mitgegeben haben. Besonders wenn ein Zeitungszusteller gewechselt hat oder nach einem Umzug des Beziehers häufen sich die Problemfälle.
Vereinzelte Anrufer berichten, dass ihre Ausgabe zwei gleiche Bögen enthält. Also geht auch eine Reklamation an die Behindertenwerkstätten in Rampe. Ersatzzeitungen werden ausgeliefert.
Es bleibt quirlig. Einem Anrufer ist noch eingefallen, dass seine Kirche am Sonntag wieder eingeweiht wird und er zwar die Lokalpresse, aber nicht die Kirchenzeitung informiert hat. Doch der Terminkalender fürs Wochenende ist voll. Frage an den Anrufer: „Kennen Sie jemanden, der da was für uns schreiben kann?“ Dann hektische Telefonate, um noch einen bewährten Mitarbeiter aufzutreiben, der für den Sonntag noch nichts vorhat und irgendwo im 100-Kilometer-Umkreis dieser Gemeinde wohnt. Dazwischen immer wieder Abstimmungstelefonate zwischen Schwerin und Greifswald und Hintergrundstelefonate mit kirchlichen Dienststellen. Jemand beschwert sich, dass seine Mutter nicht in der „Ehrentage“-Geburtstagsliste auf Seite 6 steht. Also geduldiges Erklären: „Wir in der Redaktion wissen ja nicht, wann unsere Leserinnen und Leser Geburtstag haben. Das sind Daten, die die Kirchgemeinden an den Oberkirchenrat senden. Dort wird durch die Bischofssekretärin dankenswerterweise eine Liste erstellt, die wir dann erhalten.“
Ebenso ist es mit den Terminen für die Kirchenmusiken in Mecklenburg auf der Kulturseite 11. Die werden in Eigenregie des Kirchenmusikwerks von Kantor Uwe Pilgrim in Kühlungsborn gesammelt und dann für die kommende Ausgabe am Freitagvormittag in die Redaktion nach Schwerin übermittelt. Dann werden noch die Kirchenmusiken aus Pommern dazugestellt - damit ist dann auch Redaktionsschluss für diese Seite.
Freitag ist auch Sitzungstag. Inzwischen aus Kostengründen nur noch dreimal im Jahr tagt der Redaktionsbeirat der Kirchenzeitung. Er wird vom Vorstand des Presseverbandes berufen. Schwerpunkt ist dort die Blattkritik und die Themenplanung über größere Zeiträume hinweg. Hier bekommt die Redaktion auch gebündelt Hinweise aus den verschiedenen Regionen bei der Landeskirchen und aus den verschiedenen kirchlichen Werken. Etwa im Abstand von anderthalb Monaten tagt der Vorstand des Evangelischen Presseverbandes für Mecklenburg-Vorpommern e.V. – gewählt von der Mitgliederversammlung und ausgestattet mit der Richtlinienkompetenz des Herausgebers. Beim Pressverband sind viele Einzelpersonen, aber auch kirchliche Institutionen und Verbände Mitglied.
WOCHENENDE
Für die Redakteure heißt „Wochenende“ nicht selten, unter stillem Protest der jeweiligen Familie zu Terminen zu fahren. Andererseits sind es aber gerade auch die schönen Seiten des Berufs, bei großen Tagungen und kleinen Gemeindefesten, bei Glockenweihen oder Einführungen dabei zu sein. Doch die Erfahrungen der Jahre hat gezeigt, dass dort kaum jemand der Verantwortlichen dann Zeit für nervige Reporterfragen hat. Dazu kommt, dass die Tagespresse schon am Montag darüber den Leser informieren kann – wir aber erst im besten Fall am kommenden Freitag. Darum ziehen wir es vor, z.B. bereits zwei Wochen vor der Einweihung einer Kirche vor Ort zu sein, in Ruhe mit den Akteuren zu reden – und dann pünktlich zu dem Festakt mit der für die Leserschaft oft spannenderen Vorgeschichte zu erscheinen.
MONTAG
Während für andere der Montag der erste Arbeitstag der Woche ist, mit dem alles neu beginnt, strebt für uns in der Redaktion die Produktionswoche dem Höhepunkt entgegen. Viele hat sich am Wochenende ereignet, Themen werden neu sortiert, manchmal die vorderen Aktuell-Seiten umgestoßen. In den Grundzügen muss die Zeitung heute fertig werden. Die ersten Korrekturseiten kommen aus der Druckerei und werden „gegengelesen“.
DIENSTAG
Unser Korrektor kommt. Es ist wichtig auch im Zeitalter von Computerprogrammen, dass jemand, der überhaupt nichts mit der Produktion der Zeitung zu tun hat und daher nicht „betriebsblind“ ist, „gegenliest“. Seit etlichen Jahren leistet der Schweriner Rentner Siegfried Fischer diese Arbeit als Anwalt der deutschen Rechtschreibung und der Leser, fragt bei Unverständlichem nach und wälzt Nachschlagewerke.
Langsam schlägt die alltägliche Hektik in Panik um – der Chefredakteur brütet noch über dem Kommentar und sucht verzweifelt nach dem Schlusssatz. Die pommersche Kollegin hat noch immer nicht die Freigabe des Wortlauts eines Gesprächs bekommen, dass sie am Montag geführt hat. Doch ohne dieses Zustimmung kann das Interview nicht veröffentlicht werden. Was, wenn er nicht erreichbar ist? Dann, kurz vor der Deadline, der Freigabe der Zeitung zum Druck am späten Mittag, Aufatmen. Bis auf ein paar kleine Änderungen ist der Wortlaut genehmigt. Dann aber, beim Ringen um diese „kleinen Änderungen“, verrinnen die Minuten. Plötzlich ist der Beitrag länger geworden und passt nicht mehr. Die Setzerin, meist ist es Victoria Kiehn, manchmal wie gerade jetzt vertreten durch Nicole Brinker, wird ungeduldig – in der Druckerei in Schwerin-Süd wartet die Nachmittagsschicht darauf, die Seiten für den Druck belichten zu können – der Termin des Drucks in der Nachtschicht ist sonst in Gefahr und damit auch die pünktliche Auslieferung.
15 Uhr: geschafft. Alle Seiten sind korrigiert, alle Bilder sind korrekt, der Satzcomputer ist nicht abgestürzt, die Nerven sind nicht gerissen. Die Seiten gehen per Datenleitung in die Druckerei. Nach den Arbeiten an der Druckvorstufe beginnt um 22 Uhr der Druck. Das Team dort braucht für die Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung rund vier Stunden. Doch für die Redaktion heißt es erst einmal: Schreibtische aufräumen und ab 16 Uhr ist Wochenende – bis am Mittwochmorgen die neue Woche beginnt.
Tilman Baier


 |


Fotos von links nach rechts: Nicole Brinker setzt die aktuelle Ausgabe. Druck der Kirchenzeitung in Schwerin-Süd. Zusammenlegen in der Behindertenwerkstatt.
|
 |

|
 |

|
 |
|

|